Update Corona-Krise (Stand 9.7.2020)

Die Corona-Pandemie, insbesondere die schweren und tödlichen Covid-19-Erkrankungen verlaufen glimpflicher, als wir gedacht haben – bei uns, nicht jedoch in den Armutsregionen der USA, Brasiliens und vieler anderer Länder, auch nicht in den armen Bezirken Englands oder den Banlieus Frankreichs. In Deutschland ist die Altersgruppe ab 80 Jahren am meisten betroffen, doch es starben auch fast 300 Menschen unter 70 Jahren, teilweise auch und gerade in Kliniken und Pflegeheimen Arbeitende. Schaut man/frau sich die internationalen Zahlen an, so wird schnell klar: Die Corona-Krise legt recht unverblümt den Klassencharakter unserer Gesellschaften offen. Hier (für Interessierte) einige epidemiologische Details, danach in unserem Update eine kurze Zusammenfassung:

https://www.ons.gov.uk/peoplepopulationandcommunity/birthsdeathsandmarriages/deaths/articles/coronavirusrelateddeathsbyethnicgroupenglandandwales/2march2020to10april2020#ethnic-breakdown-of-deaths-by-age-and-sex

https://www.thelancet.com/action/showPdf?pii=S0140-6736%2820%2931189-2

In England sind 4 % aller Bewohner schwarz, doch 13 % aller Todesfälle betrafen Schwarze. Die Odds Ratio, d.h. das Verhältnis Black/White bei den Todesfällen beträgt je nach Bezirk zwischen 2,6 und 3,4, d.h. scharze Menschen haben ein dreifaches Risiko, an Covid-19 zu sterben. Die Forscher/innen erwähnen mit Recht, dass Schwarze in schlechten Jobs arbeiten, in schlechten Wohnungen leben und erhöhten Umweltgefahren ausgesetzt sind. Das alles schwächt ihren Gesundheitszustand. Und es sind beileibe nicht nur die Alten, sondern die Altergruppen der 50 bis 69-Jährigen, die schwer erkranken und sterben. Wer diese Fakten beiseite schiebt und meint, das habe nichts mit uns zu tun, ist in einem ganz allgemeinen Sinne Rassist oder Rassistin. Erst die globale Perspektive öffnet den Blick für die soziale und politische Dimension des Problems. Die objektive Verzweiflung der Millarden Menschen, die nicht am Mittelstands-Wohlstand teilhaben, drückt der mexikanischen Soziologe John Holloway in einem flammenden Essay aus:

https://sozialgeschichteonline.files.wordpress.com/2020/06/holloway-vorveroeffentlichung-28-deutsch-pdf-1.pdf

Sehr empfehlenswert ist die neue Ausgabe der Zeitschrift Lunapark21, die viele dieser Fragen aufgreift. Diese Zeitschrift ist in den Bahnhofsbuchhandlungen zu erwerben, und evtl. werden bald die Artikel auch Online gestellt (gemeint ist das Jubiläumsheft Nr. 50):

https://www.lunapark21.net/

Die Corona-Krise ist mitnichten eine „Naturkatastrophe“, sondern ein Brandbeschleuniger der kapitalistischen Weltkrise. Die Besitz-, Macht- und Herrschaftsverhältnisse auf diesem Planeten sind das Problem. Das globale Kapital nutzt jetzt die Chance, seine extensiven und intensiven Landnahmen in aller Brutalität weiterzuführen, z.B. große Fast-Food-Ketten statt kleiner Eck-Kneipen, Atomenergie statt kleiner Wasserkraftwerke, Zurückschrauben der Umweltpolitik, Verstärkung der Überwachung, Kontrolle und Anpassungszwänge, Angstmache und Futtergabe für die emotionale Pest, von der Wihelm Reich einst sprach. Großkonzerne nutzen die Gunst der Stunde, ihre schon lange gehegten Rationalisierungspläne gnadenlos durchzuziehen. Sozialdemokratie und Gewerkschaften, die sich seit Jahrzehnten mit dem Kapitalerfolg gemein machten und stupf auf Wachstum setzten, laufen jetzt geradewegs auf einen Offenbarungseid zu. Was not tut, ist, die Forderungen, die sich aus der Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er und im Verlauf der 1930er Jahre ergaben, wie z.B. eine radikale Arbeitszeitverküzung bei vollem Lohnausgleich anstelle von Entlassungen, wiederzubeleben. Was not tut, ist das Grundrecht auf Wohnen, Essen, Kleidung, Bildung und Gesundheit dem „freien Markt“ zu entreißen und zu einer gemeinwirtschaftlichen Aufgabe zu machen. Das alles war einmal Programm, doch unterwarf man/frau sich mit dem sogenannten Wirtschaftswunder dem ideologischen Verblendungszusammenhang des Kapitalismus. Das rächt sich jetzt bitter. Zurück bleibt Existenzangst und in Teilen unserer Gesellschaft ein Massenwahn (siehe hierzu den blendenen Artikel des Wiener Soziologen Helmut Dahmer in der Juni-Beilage der Zeitschrift „Avanti“). Doch könnte Angst eine Chance sein, wenn sie sich in eine Energie des Veränderungswilles, d.h. in reale Auseinandersetzungen mit einer gesellschaftspolitischen Perspektive, wandeln würde:

https://iso-4-rhein-neckar.de/

https://jungle.world/artikel/2020/27/gesundheits-schutz-kann-system-sprengend-sein?fbclid=IwAR1HZkefBA_mWRTldVQH_Z8Ye3EkLy7eGmbEtya6u86ZXFLdcF5ToRTmy3M