Eröffnungsrede zur Auftaktveranstaltung des Vereins

Arbeit, Gesundheit und Leben unter kritisch-theoretischer Perspektive – Versuch einer Annäherung an die Begriffe unseres Vereinstitels (1)

Vortrag von Wolfgang Hien anlässlich der Auftaktveranstaltung des Vereins für kritische Arbeits-, Gesundheits- und Lebenswissenschaft

1911 publizierte Frederick W. Taylor (2) die Ergebnisse seiner jahrzehnte-langen unternehmensberaterischen Erfahrungen unter dem Titel: „Principles of scientific management“. Dieses Buch entpuppte sich – trotz oder vielleicht auch gerade wegen seiner überaus trivialen, simplifizierenden und apodiktischen Argumentationsweise – zu einem Bestseller mit nachhaltigen Folgewirkungen (3). Es wurde binnen kurzer Zeit in viele Sprachen übersetzt. 1913 erschien es auf deutsch unter dem Titel: „Grundsätze der wissenschaftlichen Betriebsführung“. Der Schweizer Kulturhistoriker Philipp Sarasin zählt es zu den einflussreichsten Büchern des 20. Jahrhunderts. Es gab seiner Einschätzung nach den Anstoß nicht nur zur Rationalisierung des Arbeitskörpers, sondern des Körpers schlechthin und damit zur Rationalisierung und Optimierung aller Lebensbereiche (4). In den Vereinigten Staaten war die Zweite industrielle Revolution – Elektrizität, Mechanisierung, Fließbandarbeit usw. – schon voll im Gange, in Deutschland setzte sie zu Beginn der 1920er Jahre ein, und dies dann auch mit voller Macht – unter dem Schlagwort „Rationalisierung“. Welches Menschenbild lag dieser Entwicklung zugrunde? Es war eindeutig das des „homo oeconomicus“, des egoistischen Kämpfers um Macht und Geld, d.h. ein Menschenbild, das vollständig dem Hobbschen Grundsatz „homo homini lupus“ – der Mensch ist des Menschen Wolf – folgte. Die Taylorschen Ideen standen im Kontext eines Gesellschaftsbildes, das ganz wesentlich vom Sozialdarwinismus geprägt war. Der britische Sozialphilosoph Herbert Spencer war damals – genauer: in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – der unumstrittene Vordenker für die industrielle und politische Elite und sollte dies auch nach seinem Tod 1903, neben einer zweiten Figur – Vilfredo Pareto (5) – auch im neuen Jahrhundert noch lange sein. Das einschneidende Motto „Survival of the Fittest“ stammt von Spencer, nicht von Darwin. Spencer gab der Elite theoretische Rückendeckung für ihre klassenpolitische Haltung. Das entscheidende Axiom lässt sich in folgendem Satz zusammenfassen: Es gibt eine natürliche Ungleichheit zwischen der Mehrheit der Menschen einerseits, deren Intelligenz beschränkt ist und die deswegen zur abhängigen Arbeit geboren sind, und einer Elite andererseits, die zur Führung geboren ist. Diejenigen, die zur abhängigen Arbeit geboren sind, müssen mit geschickten ökonomischen Anreizen, Kontrolle, Disziplinierung und einer Rhythmisierung des Körpers zum optimalen Funktionieren gebracht werden. Eine Arbeitsgruppe um die Leipziger Kulturwissenschaftlerin Inge Baxmann hat unter dem Titel „Arbeit und Rhythmus“ dazu aufschlussreiche und erhellende Studien vorgelegt (6). „Optimierung“ – Optimierung von Körper und Geist – wird im 20. Jahrhundert zum Zauberwort, zum Leitmotiv, zum Generalmodell unseres Lebens. Baxmann: „Das Prinzip der Arbeit explodiert und verbreitet sich über den gesamten Raum der Gesellschaft.“ Diese Diffusion werde durch eine Synchronisation zwischen Arbeit und Gesamtgesellschaft komplettiert, bis sich das gesamte Leben „um die Sonne der Arbeit dreht“. Dies galt nicht nur für die kapitalistischen Gesellschaften, sondern in gleichem Maße auch für die Sowjetunion, die Taylors Ideen begierig aufgriff und in ein Konzept der „sozialistische(n) Rationalisierung“ transformierte. Ein Übriges tat noch der angelsächsische Utilitarismus, der alle Handlungen nach ihrem – letztlich ökonomischen – Nutzen für das Gesamtsystem bewertet. Ich möchte die These vertreten, dass wir es in der gegenwärtigen Situation keinesfalls mit einer Überwindung des Taylorismus bzw. des Fordismus zu tun haben, sondern ganz im Gegenteil mit einer umfassenenden Ökonomisierung und Optimierung unseres körperlichen und geistigen Lebens, das andauernd dem Nutzenkalkül unterworfen wird. Ausbrüche daraus sind immer nur partiell möglich. Die Widersprüche gehen oftmals mitten durch uns hindurch – hierauf wird zurückzukommen sein.

Genau zur Zeit der Zweiten industriellen Revolution, 1912, begann der junge US-amerikanische Biologe Hermann Joseph Muller mit seinen Forschungsarbeiten in der Drosophila-Gruppe der Columbia University in New York (7). Die Gruppe untersuchte strahlenbedingte Mutationsvorgänge im Chromosom der Fruchtfliege. Muller gehört zu den Begründern der Molekularbiologie, die in den 1930er und 1940er Jahren in den USA, in der Sowjetunion und in Deutschland in jeweils besonderer Weise aufblühen sollte. Die neue Wissenschaft wurde, neben dem „scientific management“ zur zweiten Leitwissenschaft des 20. Jahrhunderts. Die Definitionsmacht der Leifrage „Was ist Leben“ sollte endlich der längst störenden Lebensphilosophie entrissen werden und auf ein streng naturwissenschaftliches Terrain gebracht werden. Wie wurde diese Leitfrage beantwortet? In etwa so: Leben – das sind Stoffsysteme, die in der Lage sind, sich selbst zu reduplizieren. Seit Mitte der 1940er Jahre kristallisierte sich die DNA – deoxyribonucleic acid – als das hierfür entscheidende Molekül heraus. Muller, Watson, Crick und viele weitere Forscher engagierten sich in der Folge vehement für ein Gesellschaftsmodell „auf biologischer Grundlage“, d.h. für eine Weltpolitik, deren Idee auf eine globale eugenische Orientierung hinauslief (8). Die Bildung eines totalen Arbeitsstaates auf biologischer Grundlage im nationalsozialistischen Deutschland betrachtete die internationale Nobelpreiselite zunächst durchaus wohlwollend, wobei sie die grauenhafte Ausformung dieser Idee in den Konzentrationslagern eher als historischen Kollateralschaden, denn als Konsequenz ihres eigenen Denkens ansahen. Sichtbar wurde die ganz und gar schreckliche Verschmelzung von Taylorismus bzw. Fordismus, moderner Biologie und des Utilitarismus zu einem totalitären Gesamtsystem schon in dem 1932 erschienenen Roman „Brave new world“ von Aldous Huxley – eine nach wie vor von vielen, beispielsweise vom Starphilosophen Sloterdyk positiv gehuldigte Vision (9). Die biopolitische Ausstrahlung der Molekularbiologie auf alle möglichen Gebiete der Medizin, aber auch anderer Wissenschaften, in neuerer Zeit insbesondere auf die Neurowissenschaften und die sogenannte Philosophie des Geistes, war und ist enorm. Gesundheit, Krankheit, Denken und Fühlen – alles habe, so die Behauptung, eine physikalisch-chemische Grundlage, die „ohne Rest“ alles erklären könne. Der Begriff der „life science“ scheint voll vom naturwissenschaftlichen Reduktionismus okkupiert. Glücklicherweise haben sich Literatur- und Kulturwissenschaftler/innen gefunden, die dem entschieden entgegentreten und den Begriff der Lebenswissenschaft für das tatsächlich gelebte, erlebte und biographisch kontextuierte Leben reklamieren (10). Doch zurück zur Geschichte des Lebensbegriffs und damit auch der Beurteilung von Gesundheit und Krankheit: Ganz entscheidend für eine Einordnung ist der erkenntnisleitende Standpunkt: Gehe ich von einem biologischen Idealzustand – dem „Weltkörper“, dem „Volkskörper“ oder dem „gesunde(n) Betrieb“ – aus, dann komme ich unweigerlich zur Unterteilung in „biologisch wertvoll“ und biologisch nicht wertvoll“, in „stark“ und „schwach“, in „leistungsfähig“ und „minderleistungsfähig“ bzw. „leistungsunfähig“ oder „minderwertig“. Genau diese Unterscheidung unternahm die Medizin und sich zur Rassenhygiene entwickelnden Sozialhygiene der 1920er Jahre. Der Mediziner und Erfolgsautor Erwin Liek kaprizierte sich in seinem 1925 ersterschienenen Buch „Der Arzt und seine Sendung“ (11) auf die „Neurastheniker“ – die „Schwächlinge“ – die „Simulanten“ und „Rentenneurotiker“, die „unser Volk“ schädigten und, biete man keinen Einhalt, zugrunde richteten. Die Selektionsmedizin war hier schon eindeutig angelegt. In dem heute so aktuellen Wort „employebility“ oder „Beschäftigungsfähigkeit“, um die sich jeder Einzelne gefälligst zu kümmern habe, klingt diese schreckliche Perspektive erneut an. Gehe ich aber von einem ganz anderen erkenntnisleitenden Standpunkt aus, nämlich den Bedürfnissen des Einzelnen, seiner Not, seinem Leid, seinem Hoffen und Bangen, und gehe ich vom absolut gesetzten Recht eines Jeden auf ein menschenwürdiges Leben aus, dann eröffnet sich ein geistiges Panorama eines Gesellschaftsmodells, in der die gegenseitige Hilfe, die Solidarität und die „Verantwortung vom Anderen her“ (Levinas) in den Mittelpunkt rückt.

Arbeit, Gesundheit und Leben erfahren also während der Zweiten industriellen Revolution eine spezifische Definition, die – so sollte man meinen – nicht unwidersprochen bleiben durfte. Die bürgerliche Sozialreformbewegung – hier ist pars pro toto Max Weber zu nennen – griff denn auch einige Begriffe kritisch auf, verharrte aber im ideologischen Gerüst des Gegebenen. Die Arbeiterbewegung griff ebenfalls zentrale Begriffe auf und versuchte sie kritisch zu wenden. Dass Arbeit unter massenindustriellen Bedingungen einen für Körper, Geist und Seele zerstörenden Charakter annimmt, war offensichtlich (12). Das bewiesen schon alleine die exorbitanten Unfallzahlen, das bewiesen auch die um sich greifenden schweren Berufserkrankungen. Ein August Bebel wusste sehr genau um das körperliche und geistig-seelische Elend der arbeitenden Klasse, war er doch selbst einmal Handwerker. Doch schon in der Debatte um das Erfurter Programm 1891 zeigte sich eine merkwürdige Konstellation: Während die „Reformisten“ um Eduard Bernstein den Gesundheitsschutz der Arbeiter und Arbeiterinnen, den Sozialversicherungsschutz und menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen betonten, warnte der alte Friedrich Engels davor, mit „zuviel Schutz“ die Arbeiter/innen zu sehr mit den herrschenden Verhältnissen zu versöhnen statt sie zum politischen Kampf gegen jene zu motivieren. Ähnlich sahen das nach der Jahrhundertwende auch Rosa Luxemburg und Anton Pannekoek, beide in der Vorkriegszeit Dozentin und Dozentin an der Bremer Parteilschule der SPD. Die Bremer Werftarbeiter gingen schon vor dem Krieg, dann mehrmals während des Krieges und machtvoll zwischen November 1918 und Februar 1919 auf die Straße, um endlich den Achtstundentag und die Abschaffung des mörderischen Akkordsystems zu erreichen. Pannekoek (13), der wohl bekannteste Theoretiker des Rätekommunismus, schrieb mitten in den Novembertagen: „Es handelt sich nicht um einige Reformen auf dem Gebiete von Arbeiterschutz und Achtstundentag, sondern um die großen Maßnahmen, die die Wirtschaft wieder aufrichten werden durch eine sozialistische Organisation“ (14). Was hier durchschimmert, ist die damals wie heute allseits geteilte Hoffung in den Segen der Technik, der Mechanisierung, der Automation (15). Letztlich die Automation würde – so die sich als Illusion erwiesene Hoffnung – die körperliche, belastende und auch geisttötende Arbeit abschaffen. Selbstredend ist es begrüßens- und erstrebenswert, dass gesundheits- schädigende Arbeit durch Maschinen ersetzt wird. Doch bleibt damit Arbeit – und genau an diesem Punkt haben Luxemburg, Pannekoek und andere Recht – häufig immer noch entfremdet und damit auch psychisc belastend, soweit sie nicht auf der konkret-nützlichen Ebene und im Sinne einer menschenfreundlichen Ökonomie organisiert ist. Und weil diese ein nie endender Übergang sein wird, „eine Heimat, in der noch nie jemand war“ (Bloch), wird Arbeit immer auch einen belastenden Aspekt haben. Arbeit hat ein Doppelgesicht. Genau dies formulierte der Psychologe Kurt Lewin (16) 1920 in seinem Grundsatzartikel „Die zwei Gesichter der Arbeit“: „Arbeit ist einmal Mühe, Last Kraftaufwand (…). Arbeit ist unentbehrliche Voraussetzung zum Leben, aber sie ist selbst noch nicht wirkliches Leben. Darum Arbeit so kurz und bequem wie möglich (…). Die Arbeit ist dem Menschen unentbehrlich, weil ein Leben ohne Arbeit hohl und leer ist. Weil die Arbeit selbst Leben ist, darum will man auch alle Kräfte des Lebens an sie heranbringen und in ihr auswirken. Darum will man die Arbeit reich und weit, vielgestaltig und nicht krüppelhaft beengt“ (17). Also einerseits ist Arbeit nicht wirkliches Leben, also muss Arbeit minimiert werden, doch andererseits ist Arbeit selbst Leben. Jenseits eines „tertium non datur“ – d.h. der Aufforderung, sich für eine logisch widerspruchsfreie Aussage zu entscheiden – ist Arbeit eben beides, ein zutiefst dialektisches, durch die jüdische Talmud- Schulung geprägtes Widerspruchsdenken, als dessen Leitmotiv die Liebe zum Menschen, die Achtung der Menschenwürde, aufscheint.

Ganz ähnlich verhält es sich mit den Kategorien der Gesundheit und des Lebens. Eine Fetischisierung führt in eine Sackgasse, in die negative Utopie einer „brave new world“, einer unterschwelligen oder – bei den Nazis – offen formulierten totalen „Pflicht zur Gesundheit“ und einer Abwertung von Krankheit, Behinderung und Alter. Diese sind für Utilitaristen und noch konsequenter für Nazis negativ belastete Begriffe, welche die „Reinheit“ des Lebens stören. Das Störende ist durch eine wissenschaftlich begründete Biopolitik, d.h. letztlich durch eine Eliminierung, aus der Welt zu schaffen. Was die Nazi-Mediziner anbetrifft: Fast alle führenden Theoretiker dieser Sichtweisen haben nahezu unbeschadet das Nazireich überlebt und zum Teil noch durchaus eklektische Nachkriegskarrieren hingelegt. Doch es gab auch andere Stimmen in der Medizin, der Arbeits- und Sozialmedizin, der Psychosomatik, der Philosophie – andere als die, die immer nur nach Leistung und Selektion riefen. Es gab nicht besonders viele andere Stimmen, aber es gab sie, Ludwig Teleky zum Beispiel, der zunächst in Wien, dann in den 1920er Jahren in Düsseldorf wirkte und der als Begründer der modernen Arbeits- und Sozialmedizin zu sehen ist (18). Die Nazis haben mit jahrzehntelangem Erfolg seinen Namen ausgetilgt. Erst Anfang der 1980er Jahre wurde Teleky durch die Forschungen von Rainer Müller und Dietrich Milles – Wissenschaftler der damals „roten“ Bremer Universität – dem Dunkel des Vergessens entrissen. Für Teleky gab es nur ein Ziel: die Gesundheit der Menschen zu erhalten oder, wenn möglich, wiederherzustellen. Dies, und nur dies, galt – nicht die Leistungsfähigkeit, nicht die Beschäftigungsfähigkeit, nicht das Funktionieren im durchorganisierten Betrieb. So lehnte Teleky das selektionsmedizinische Konzept ab. Es wäre einige weitere Vertreter/innen einer anderen, nicht-utilitaristischen Medizin zu nennen. Symbolhaft sei Sigmund Freud genannt, dessen 1930 erschienene Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“ weite Kreise zog und auch für Nicht-Psychologen und Nicht-Mediziner die Bedeutung der Psyche herausstellte. Zu erwähnen ist auch Erwin Straus, ein ebenfalls jüdischer und dann vertriebener Neurologe, der mit seinem 1935 – freilich nicht mehr in Deutschland publizierbaren – Buch „Vom Sinn der Sinne“ eine Integration von Phänomenologie und Neurowissenschaft versuchte. Vor allen Dingen gilt es auf den bedeutsamen, vielleicht bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts hinzuweisen: Edmund Husserl (19). Auch er wurde vertrieben. 1935 hielt er an den Universitäten Wien und Prag einen Vortrag mit dem Titel: „Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie“. Hier – und in den zu dieser Zeit noch entstandenen umfangreichen Zusatzmaterialien – entwickelt Husserl den Begriff der Lebenswelt. Er forderte, wissenschaftliches Tun auf die Lebenswelt zurückzubeziehen. Husserl: „In der naturwissenschaftlichen Mathematisierung messen wir der Lebenswelt in ihrer offenen Unendlichkeit möglicher Erfahrungen ein wohlproportioniertes Ideenkleid an, das der sogenannten objektiv- wissenschaftlichen Wahrheiten“ (20). Wir verwechseln, so Husserl, das, was wir auf diese Weise konstruieren, mit der Wirklichkeit. Husserl spricht in diesem Zusammenhang von den „Füllen des Lebens“. Wohlgemerkt: Husserl war selbst Mathematiker, doch er erkannte in der um sich greifenden Praxis der Vermessung und Quantifizierung der Welt, einer dominant werdenden und zum totalitären Ausschluss aller anderen Zugangsweisen zur Welt sich stilisierenden Praxis, ein – vielleicht das – entscheidende Grundübel der Zivilisationsgeschichte. Diese Überlegungen beflügelte nachweislich die Kritische Theorie der Gesellschaft, die Max Horkheimer und seine Arbeitsgruppe ab 1930 am Frankfurter Institut für Sozialforschung begründete (21). Kritische Theorie arbeitet heraus, dass und wie Wirklichkeit quantifizierend reduziert und auf diese Weise für Herrschaftstechniken verfügbar gemacht wird. Kritische Theorie befasst sich mit der Bemächtigung unseres Denkens und Fühlens durch die Warenform, d.h. damit, dass alles und jedes nach seinem Marktwert gemessen und bewertet wird (22). Kritische Theorie geht freilich insofern über Husserl hinaus, als sie sich gerade nicht mit dem so Gegebenen (dem „Positiven“) zufrieden geben will. Kritische Theorie stößt sich an dem Umstand, dass die positivistische Wissenschaft sich neutral gegenüber dem Leid der Menschen verhält, d.h. Kritische Theorie nimmt das Leiden der Menschen zum Anlass, über das Gegebene hinauszudenken. Sie klagt die emanzipatorische Grundidee der Aufklärung ein. Sie hält an dem Ziel fest, dass alle Menschen, auch und gerade angesichts biologischer und sozialer Unterschiede, ein gleiches absolutes Recht auf menschenwürdiges Leben in all seiner Vielfältigkeit haben.

Seiner besonderen Bedeutung wegen möchte ich noch einige Momente bei Theodor Wiesengrund Adorno verweilen und – gleichsam in seiner Nachfolge – die US-amerikanischen Philosophinnen Judith Butler und Seyla Benhabib erwähnen. Adorno hatte eine Vorstellung von der Vielfalt des Lebens. Er warb für eine egalitäre Gesellschaft bei Anerkennung einer unendlichen horizontalen Ungleichheit. Ihm war die Einbindung in Rollen, welche uns die gegebene Gesellschaft zuschreibt, ein Gräuel. Der Mensch war seiner Meinung nach viel mehr als sich im Korsett irgendwelcher Rollen zu bewegen. Wenn Anerkennung immer nur Anerkennung einer gut funktionierenden Rollenübernahme ist, muss sie eher als Zuschreibung und Zurichtung denn als Anerkennung in Freiheit gedeutet werden. Adorno sah in diesem Zusammenhang auch die Kategorie der Identität äußert kritisch. Er stellte neben sie die Kategorie der Nicht-Identität, und zwar mit der Vision, „ohne Angst verschieden sein zu dürfen“. Insofern kann ich auch eine bestimmte Rolle annehmen, wenn ich weiß, dass ich „viel mehr bin“, d.h. nicht darauf reduziert werde. In seinem Spätwerk „Negative Dialektik“ kommt Adorno auf den Punkt: „Die kleinste Spur sinnlosen Leidens (…), das leibhafte Moment meldet der Erkenntnis an, dass Leiden nicht sein kann, dass es – dies meint hier: dass die Welt – anders werden solle“ (23). Leib – das ist die widersprüchliche, brüchige, beschädigte Einheit von Körper, Geist und Seele, d.h. leibliches Leiden umfasst also auch psychisches Leiden (24). Adorno richtet sein Denken gegen die industrialisierte, die rationalisierte und optimierte Arbeits- und Lebenswelt, vor allem gegen das industrialisierte Denken in unseren Köpfen, gegen den homo oeconomicus im Sein und Bewusstsein, gegen den Warenfetisch. Adorno sieht im globalen Maßstab die Herrschaft der Irrationalität, welche unser subjektives Sein „durchwest“. Er äußert sein Unbehagen gegen jede Form der An- passung, an der auch und gerade Psychotherapeuten mitwirkten. So gesehen, geraten wir in eine hochgradig dilemmatöse Situation. In seinem Aufsatz „Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie“ heißt es: „Indem der Geheilte dem irren Ganzen sich anähnelt, wird er erst recht krank, ohne dass doch der, dem die Heilung misslingt, darum gesünder wäre“ (25). Fast existentialistisch könnte man/frau sagen: Wir sind dazu verurteilt, immerfort ein richtiges Leben im falschen zu suchen oder zu versuchen, ohne es jedoch je zu erreichen. Genau dieses Problem treibt auch Judith Butler um. Sie hat in ihren Adorno-Vorlesungen 2002 (26) – und noch einmal vehement in ihrer Adorno-Preis-Rede im Jahr 2012 (27) – die Bedeutung dieses Denkers hervorgehoben und dessen Philosophie mit weiteren Überlegungen verbunden, vor allem mit der ethischen Philosophie des litauisch-französischen Gelehrten Emmanuel Levinas (28). Butler erinnert mit Levinas an die Grundtatsache der unendlichen Verflochtenheit des Menschen mit dem Anderen, seinem Angewiesensein auf den Anderen, seinem Ausgesetztsein und seiner Verletzlichkeit. Entscheidend für all diese Überlegungen ist die unbedingte Menschenwürde für alle auf dieser Welt. Auf diesen Punkt hebt auch Seyla Benhabib ab, deren Wurzeln im türkischen Judentum liegen. Sie erhielt 2009 den Ernst-Bloch-Preis der Stadt Ludwighafen. In ihrer Dankesrede (29) erinnerte sie an die zunehmende Spaltung der Welt, die zunehmende soziale Ungleichheit, und daran, dass wir – mehr denn je – einer „konkrete(n) Utopie“ (Bloch) bedürfen. Wenn wir Arbeit, Gesundheit und Leben unter dieser Perspektive betrachten, so geht es darum, an einer Welt zu arbeiten, in der Tätigsein und Ruhen, Gesundsein und Kranksein, Kindsein und Altsein, leibliche Berührung und Spiritualität für alle Menschen, völlig unabhängig von Leistungs- und Nutzenerwägungen, in allen „unendlichen Füllen“ (Husserl), ohne Zwang und ohne Sanktion, lebbar wird. Die Kritische Theorie hält an der Vorstellung fest, dass es eine menschliche Gemeinschaft geben müsse, in der die freie Entfaltung eines jeden, als Bedingung für die freie Entfaltung aller, möglich ist (30).

Lassen wir einmal die gegenwärtigen Arbeits- und Lebensverhältnisse Revue passieren (31), so müssen wir feststellen: Arbeit hat sich in post- tayloristischen und post-fordistischen Systemen verändert, sie ist – auf den ersten Blick – in den kapitalistischen Zentren vielfältiger und anregender geworden. Doch beim zweiten und dritten Blick zeigen sich höchst widersprüchliche Konturen. Einmal davon abgesehen, dass tayloristische Massenarbeit das gesamte Leben von Milliarden Menschen auf dem asiatischen Kontinent und auch in Lateinamerika immer mehr zu bestimmen beginnt, beobachten wir auch hierzulande eine massive Re-Taylorisierung. Anfang dieses Jahres kritisierte Betriebsräte des Daimlerwerkes in Bremen in einem Flugblatt die zunehmende Arbeitsverdichtung. Der Traum von der Gruppenarbeit und einer inhaltlich angereicherten und vielfältigen Arbeit sein ausgeträumt. Man müsse sich der harten Realität stellen. Bestimmend seien die immer engeren Takte, das Schrumpfen der Kurzpausen gegen Null. Wörtlich heiß es: „Das Pausen-Durchfahren nimmt uns unser soziales Leben auf der Arbeit. Je verdichteter der Takt der Produktion, desto weniger Zeit und Luft bleiben ohnehin, um miteinander zu reden, sich kennenzulernen, auszutauschen oder einfach nur blöde Witze zu reißen. Es klingt banal, aber wer uns das nimmt, der raubt uns die einzigen Momente, die die Arbeit noch erträglich machen“ (32). Nicht viel anders hören sich Berichte aus dem Angestelltenbereich an, auch aus den Bereichen, die noch vor Jahren als kreativ und nicht-entfremdet hochgelobt wurden, wie z.B. die IT-Arbeit (33). Richard Sennett hat in seiner Studie „Der flexible Mensch“ genau diese komplexen und widersprüchlichen Entwicklungen unter die Lupe genommen (34). Er konstatiert eine schleichende Anpassung an die Verhältnisse, an den homo oeconomicus – ja, er konstatiert eine schleichende „Korrosion des Charakters“. Die Arbeitswelt, aber auch zunehmend die gesamte Lebenswelt, wird von einer kulturellen Hegemonie überformt, welche Anerkennung auf einen Modus des sozialen Konkurrenzkampfes und des materiellen Erfolgs festschreibt (35). Dieses „Gegeneinander“ erzeugt enorme Angst – die Realangst, Verlierer zu sein. Diese Angst macht krank und produziert ihrerseits genau das, was das die sozialdarwinistische Hegemonie beabsichtigt: Weitere Spaltungen in der Gesellschaft. Und die Gewinner von heute verausgaben sich und können morgen selbst in den Abgrund der Erschöpfung getrieben werden. Die Diffusion der ökonomisierten Arbeit in unseres gesamtes gesellschaftliches und kulturelles Leben und die Synchronisation von Arbeit, Leben und Kultur ist vor allen anderen Dingen in den Gesundheitsverhältnissen sichtbar. Ein bemerkenswerter Körperkult durchwirkt die gesamte Gesellschaft, ein Schönheits- und Fitnesswahn, ein auf Außenwirkung bedachter Gesundheitsfetisch, eine kulturelle Hegemonie, die Anderssein, Langsamkeit, Krankheit, Behinderung, Sterben und Tod ausblendet. Was damit konstituiert wird, ist eine neue Art von Klassengesellschaft. Die Wiener Sozialwissenschaftlerin Eva Kreisky wies schon vor Jahren auf diese Entwicklung hin (36). Der fitte Körper, vermeintlich für alle erreichbar, wird zum Unter- scheidungsmerkmal gegenüber den „Faulen“, „Untätigen“ und „Unfitten“, welche der Gesellschaft zur Last fallen, und deren Selbstverschuldung sanktioniert und geächtet werden müsse. Eingeschlossen in diese soziale Externalisierung, diese schleichende Exklusion, ist die zunehmende Zahl psychisch Erkrankter, die „nicht mehr mithalten können“. Sie sind entweder selbst schuld oder eben nicht geeignet für die Hoch- leistungsgesellschaft. Erneut werden hier Weichen für einen üblen Sozialdarwinismus gestellt, gleichsam einen Nützlichkeitsrassismus (37), der – auf der Schiene „Gesundheit“ – unsere Köpfe und Herzen indoktriniert. „Der postfordistische fitte Körper ist damit gleichzeitig Leitbild und Effekt eines neoliberalen Individualisierungsdiskurses“ (38). Dazu gehört die ideologische Bejahung der sozialen Ungleichheit, die weltweit, aber auch hierzulande, immer krassere Formen annimmt. Der wachsende Unterschied zwischen reich und arm, zwischen Eliten und oberen Mittelschichten einerseits und der „breiten Masse“ der Lohnabhängigen und prekären Selbstständigen andererseits – d.h. die Relation und nicht die absolute Höhe des jeweiligen Lebensstandards – ist das Skandalon, das epidemiologisch nachweisbar zu einem massenhaft wirksamen gesundheitlichen Risikofaktor wird. Dies gilt nicht nur im globalen Maßstab, sondern auch im nationalen oder lokalen Rahmen. Richard Wikinson und Kate Picket (39) zeigen in einem Vergleich der Industrienationen auf, dass mit wachsender sozialer Ungleichheit das jeweils durchschnittliche nationale Maß an Krankheit, Unwohlsein, Hass und Kriminalität zunimmt. Ganz besonders schlimm sind die Verhältnisse in den USA. 16-jährige US-Amerikaner in armen Wohngegenden sterben 28 Jahre früher sterben als solche in reichen Wohngegenden. In der Tendenz gilt das auch hierzulande. Eine Analyse der Bremer Gesundheitsamtes (40) zeigt: In den armen Stadtteilen wird 10 Jahre früher gestorben als in den reichen. Internationale Studien zeigen: Auch wenn alle möglichen Einflussfaktoren wie Rauchen und Bodymassindex gegengerechnet werden: Es bleibt ein signifikanter Unterschied – derjenige der Diskriminierung, Stigmatisierung, Abwertung und Ausgrenzung, welche sich sozio-psycho-somatisch in Krankheit und vorzeitigen Tod umsetzen. Insbesondere die psychischen Erkrankungen steigen genau dort stark an, wo sich soziale Unterschiede vergrößern und sich das nagende und innerlich zersetzende Gefühl des Nicht-mehr- Mitkommens, des Abgehängtseins und schließlich der eigenen Wert- und Nutzlosigkeit einstellt. Das „scientific management“ unserer Gesellschaften, die optimale Ausnutzung von Natur und Mensch auf dieser Welt, bringt nicht „mehr Wohlstand für alle“, sondern mehr Spaltung – global, lokal, in unseren sozialen Beziehungen, auch und gerade in uns selbst. Die Widersprüche dieser Welt gehen durch uns hindurch (41). Darüber zu sprechen, in einer wirklich freien – einer angstfreien und liebevollen – Atmosphäre, ist nötiger denn je, auch um zu schauen, was wir tun können, wo und was wir verändern können.

Appendix: Versuch einer Zusammenfassung der Diskussion

In der Diskussion kamen ganz verschiedenen Stimmen zu Wort. Einerseits wurde betont, dass viele Arbeitnehmer/innen ihre eigene Situation längst „nicht so schwarz“ sehen, wie ich sie in meinem Vortrag dargestellt habe. Viele möchten durchaus selbst fit und gesund sein, möchten durchaus „beschäftigungsfähig“ bleiben und ein gutes Einkommen erzielen. Es wurde bezweifelt, dass das Leiden am Anpassungsdruck so groß sei, wie ich es annehme. Zugleich wurde eingeräumt, dass es tatsächlich auch „Verlierer“ gibt und diese an Zahl und Tragik zunehmen. Ein ehemaliger Betriebsrat einer Weltfirma berichtete, wie sehr sich die Alltagskultur der Menschen geändert hat, die in seinem Unternehmen arbeiten. Sie arbeiten „freiwillig“ daran, möglich lange fit und leistungsfähig zu bleiben, joggen beispielsweise in der Mittagspause am Werk entlang, selbstredend sowohl technisch wie mental immer „online“. Die Grenzen zwischen Arbeit und Leben, zwischen Arbeitszeit und Freizeit zerfließen, weil man/frau gleichsam mit seiner ganzen Persönlichkeit einen „verkaufbaren Eindruck“ machen möchte und sich auch damit vorbehaltlos zu identifizieren sucht. Doch begründet man damit gerade nicht das entfremdete „Pseudo-Selbst“ (das Erich Fromm in seiner großen Studie „Furcht vor der Freiheit“ schon vor über 70 Jahren beklagte)? Einige Diskussionsteilnehmer/innen wiesen darauf hin, dass man/frau sich im Alltagsleben ungeheuer viel vormache, dass man/frau sich selbst belüge und damit auch diejenigen, die einen umgeben. In der weiteren Diskussion wurde die Sinnfrage angesprochen bzw. das Leiden an der Sinnlosigkeit. Es wurden auch psychische Erkrankungen thematisiert und die Frage aufgeworfen, wieviel sie mit den veränderten Arbeits- und Lebensverhältnissen zu tun haben. In diesem Zusammenhang erzählten einige Diskussionsteilnehmer/innen, die in medizinischen und therapeutischen Berufen tätig sind, von den Problemen, welche die Ökonomisierung des Gesundheitswesens schaffe. Beispielsweise in der Psychiatrie: Tatsächlich auf die Bedürfnisse der leidenden Menschen einzugehen, wird immer schwieriger, weil Personal und Zeit fehle. Dies erklärt auch, dass beispielsweise Pflegekräfte durchaus ihren Beruf lieben, aber nur noch mit Widerwillen zur Arbeit gehen. Dann passiert es, dass sie in Rente gehen und sich daraufhin sogleich bei der Bahnhofsmission engagieren. Viele weitere Punkte wurden angesprochen, so z.B. der Umstand, dass weite Bereiche unserer Produktion- und Dienstleistungslandschaft inhaltlich von sinnlosen, schädigenden und menschenfeindlichen Aspekten geprägt sind. Die Rüstungswirtschaft wurde beispielhaft genannt. Einige Diskussionsteilnehmer/innen hoben dann auf die Notwendigkeit ab, mittels eines bedingungslosen und menschenwürdigen Grundeinkommens den fatalen Druck von den Menschen zu nehmen, ihnen die Möglichkeit des Durchatmens zu geben und damit auch neue Chancen einer freien Entwicklung und Entfaltung zu schaffen. Insofern sei es auch begrüßenswert, wenn schwere und eintönige Arbeit durch Maschinen ersetzt sowie sinnlose und destruktive Arbeit ganz und gar abgeschafft würde. Ohnehin können dann die notwendige Arbeitszeit extrem reduziert werden. Ein weiterer Aspekt wurde genannt: Die falsche Einschränkung der Arbeit auf Lohnarbeit. Die demographische Entwicklung erfordere ein radikales Umdenken: Die mittlere Generation – und Männer und Frauen gleichermaßen – müssen sich um Kinder, Kranke und Alte kümmern. Darin waren sich alle einig: Sorgearbeit wird zu einem wesentlichen Bestandteil der Arbeit und des Lebens werden. Vieles hierzu blieb aus Zeitgründen im Raum stehen. Es zeigte sich insgesamt, dass es zu allen angesprochenen Punkten noch viel Diskussionsbedarf gibt. Im weiteren Fortgang der Diskussion – und in den Gesprächen des Abends – einigten wir uns darauf, im Philosophischen Salon erst einmal mit grundsätzlichen Fragen wie Identität, Anerkennung und damit zusammenhängenden Kategorien zu befassen, und dies mit Hilfe der Überlegungen Judith Butlers zu tun, um sich dann ggf. auch mehr praktischen Fragestellungen unseres Alltagslebens zuzuwenden.

 

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(1) Der folgende Text orientiert sich am mündlich gehaltenen Vortrag und sollte auch ohne Fußnoten verständlich sein. Die Fußnoten enthalten genaue Literaturnachweise und weitergehende Überlegungen.

(2) Frederick Winslow Taylor (1856-1915) war ein US-amerikanischer Ingenieur. Er gilt als Begründer der Arbeitswissenschaft und der industriellen Managementlehre. Seine Ideen müssen mit denen Henry Fords (1863-1947) zusammengedacht werden. Ford entwickelte die Fließbandarbeit zu einem umfassenden System, das in der Folge mit dem Begriff des Fordismus belegt wurde. Vgl. dazu: Harry Braverman: Die Arbeit im modernen Produktionsprozess. Campus, Frankfurt am Main 1985.

(3) Vgl. dazu die schöne Studie von Erich Ribolitis: Die Arbeit hoch? Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Post-Fordismus. Profil, München 1997; dazu auch: Alexander Meschnig und Mathias Stuhr: Arbeit als Lebensstil. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003; eine Literaturübersicht über Forschungen zur Körpergeschichte im Fordismus und Post-Fordismus findet sich bei: Peter-Paul Bänzinger (Hg.): Body Politics – Zeitschrift für Körpergeschichte, Jg. 1 (2013), Heft 1 (Online-Ausgabe). Der Taylorismus forderte auch gewaltige psychische Kosten, vgl. dazu: Heinz-Harad Abholz: Die Rolle des industriellen Arbeitsplatzes für die Ätiologie psychischer Erkrankungen. In: Das Argument, Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften, Nr. 60, Sonderband „Kritik der bürgerlichen Medizin“. Argument, Berlin 1970, S. 142-151; die Literatur für die heutige Zeit ist unübersehbar, wobei soziologisch das Thema „Beschleunigung“ hervorzuheben ist, vgl. dazu: Hartmut Rosa: Weltbeziehungen im Zeitalter der Beschleunigung. Umrisse einer neuen Gesellschaftskritik. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2012.

(4) Philipp Sarasin: Die Rationalisierung des Körpers. Über „Scientific Management“ und „biologische Rationalisierung“. In: Michael Jeismann (Hg.): Obsessionen. Beherrschende Gedanken im wissenschaftlichen Zeitalter. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, S. 78-115. Vgl. dazu auch die instrutive Studie von Martin Birkner und Robert Foltin: (Post-)Operaismus. Von der Arbeiterautonomie zur Multitude. Schmetterling, Stuttgart 2006.

(5) Vilfredo Pareto, Nationalökonom, Philosoph und Soziologe (1848-1923), teilt voll die sozialdarwinistischen Anschauungen Spencers und hat diese weiterentwickelt zu einer umfassenden Elitetheorie. Er war Vordenker des italienischen Faschismus.
(6) Inge Baxmann, Melanie Gruß, Sebastian Göschel und Vera Lauf: Arbeit und Rhythmus – Lebensformen im Wandel. Wilhelm Fink, München 2009.

(7) Zu Hermann Joseph Muller gibt es eine hervorragende Einführung: Karl-Heinz Roth: Sozialer Fortschritt durch Menschenzüchtung. Der Genetiker und Eugeniker H.J. Muller (1890-1967). In: Friedrich Hansen, Regine Kollek (Hg.): Gen-Technologie. Die neue soziale Waffe. Konkret Literatur, Hamburg 1985, S. 120-151. Interessant ist, dass Muller sich zeitweise stark zur stalinistischen Sowjetunion hingezogen fühlte und einige Jahre in Moskau forschte.

(8) Hoch instruktiv ist hierzu die fasziniernde Autobiographie von Erwin Chargaff (Das Feuer des Heraklit, Klett, Stuttagart 1981). Chargaff entschlüsselte Anfang der 1940er Jahre die DNA-Basen- komplementarität AT/CG, befürchtete aber sogleich einen Missbrauch seiner Entdeckung. Das Nobelpreiskommitee versagte ihm daraufhin den ihm gebührenden Preis.

(9) Peter Sloderdyk: Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zu Heideggers Brief über den Humanismus. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1999.

(10) Vgl. Wolfgang Asholt, Ottmar Ette (Hg.): Literaturwissenschaft als Lebenswissenschaft. Programm – Projekte – Perspektiven. Narr Franke Attempto, Tübingen 2010.

(11) Erwin Liek: der Arzt und seine Sendung. Lehmanns, München 1925. Dieses Werk erschien in den darauf folgenden 10 Jahren in 10 weiteren Auflagen.

(12) Der Verfasser arbeitet seit Jahren an einer umfassenden Geschichte der Arbeits- und Lebens- bedingungen von der Hochindustrialisierung bis heute. Einen ersten Überblick zur Entwicklung bis zum Ersten Weltkrieg bietet: Florian Tennstedt: Sozialgeschichte der Sozialpolitik in Deutschland. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1981.

(13) Anton Pannekoek (1873-1960), ursprünglich Astrophysiker an der Universität Leiden, gehörte zu den führenden Köpfen der SPD-Linken, die sich gegen Krieg und Kriegsdienst aussprachen, bevor er sich der Theorie eines dezentralen Rätekommunismus zuwandte. Vgl. Anton Pannekoek: Arbeiterräte. Texte zu sozialen Revolution. Germinal, Fernwald 2008.

(14) Anton Pannekoek: Neue Aufgaben. Artikel in der Zeitschrift „Arbeiterpolitik“ vom 23. November 1918. Vgl. dazu auch: Antonio Farina: Produktionsverhältnisse und sozialer Konflikt in den Bremer Werften zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Räterepublik (1914–1919). In: Sozial.Geschichte Online, Jg. Heft 12 (2013), S. 8-38.

(15) Zu nennen sind hier Namen, die für ganz verschiedene politische Orientierungen stehen, wie z.B. Paul Lafargue, Herbert Marcuse, Hannah Arendt, Jeremy Rifkin.

(16) Kurt Lewin (1890-1947) gehörte zur Berliner Gruppe der Gestaltpsychologie. Als Jude muss er emigrieren. Er zählt zu den Begründern der Feldtheorie, der Gruppendynamik und der Aktionsforschung.
(17) Kurt Lewin: Die Sozialisierung des Taylor-Systems. Schriftenreihe Praktischer Sozialismus, Heft 4. Gesellschaft und Erziehung, Hannover 1920, S. 3-36.

(18) Ludwig Teleky (1872-1957), der einer ungarisch-jüdischen Familie entstammte, befasst sich als Krankenhausarzt zunächst mit Tuberkulose, dann mit Massenvergiftungen durch Phosphor, Quecksilber und Blei, welche in der damaligen Industrie an der Tagesordnung waren.(19) Edmund Husserl (1859-1938), geboren als Sohn eines jüdischen Tuchhändlers in Mähren, wirkte lange an der Universität Freiburg, bis ihn die Nationalsozialisten vertrieben. Husserl ist der Begründer der phänomenologischen Methode, welche – gleichsam durch die Wissenschaftswelt hindurch – den direkt wahrnehm- und erfahrbaren Lebenserscheinungen („Phänomenen“) der Menschen einen bedeutsamen Platz im Prozess der Erkenntnis zuweist.(20) Edmund Husserl: Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie. Neuausgabe, zweite verbesserte Auflage. Felix Meiner, Hamburg 1982, S. 55.

(21) Dies gilt für Max Horkheimer selbst, der Husserl in seiner 1947 Studie „Eclips of Reason“ mehrfach erwähnte, wie insbesondere für den Husserl-Schüler Herbert Marcuse, der in seinem 1964 vorgelegten Buch „The One-Dimensional Men“ dem Krisis-Vortrag Husserls eine großartige Interpretation widmete.

(22) Vgl. dazu auch Alfred Sohn-Rethel: Warenform und Denkform. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978. Der Ökonom, Soziologe und Philosoph Sohn-Rethel (1899-1990) emigrierte 1937 aufgrund seiner jüdischer Herkunft nach England. Auf Vermittlung von Oskar Negt erhielt Sohn-Rethel 1972 eine Professur an der Universität Bremen, an der er bis zu seinem Tod lehrte.

(23) Theodor W. Adorno: Negative Dialektik. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1966, S. 203. Siehe auch: Vorlesung über Negative Dialektik. Fragmente zur Vorlesung 1965/66 (hg. V. Rolf Tiedemann). Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007.

(24) Die besondere Kategorie des Leibes wurde von Schopenhauer und Nietzsche als besondere Kategorie aufgegriffen und ganz entschieden von Husserl und der Phänomenologie weiterentwickelt. Für „Körper“ steht das pur Stoffliche, Physische, Mechanische, Maschinenhafte – paradigmatisch hierfür: der „Arbeitskörper“ –, für „Leib“ die belebte, wahrnehmende, fühlende, handelnde, begehrende, kämpfende und eben auch leidende Gesamtheit der Person, auch und gerade auch dann, wenn diese durch vielerlei Brüche, Spaltungen, Fragmentierungen und einen „Mangel“ (Lacan) beeinträchtigt ist, ohne dass damit das Wunder der biochemischen und biophysikalischen Prozesse ignoriert werden soll. Freilich: Eine Integration von Leibtheorie und Naturwissenschaft lässt noch auf sich warten – ein Thema für unseren Verein? Interessant auch, dass Baxmann, Bänzinger u.a. nur mit der Kategorie „Körper“ arbeiten, nicht mit der Kategorie „Leib“, obwohl es dafür, wie angedeutet, gewichtige Gründe gibt (vgl. dazu auch: Hilarion Petzold: Leiblichkeit. Junfermann, Paderborn 1986; Thomas Fuchs: Leib, Raum , Person. Klett-Cotta, Stuttgart 2000) und neuerdings sogar führende Soziologen diese Differenzierung einfordern (vgl. hierzu: Robert Gugutzer: Verkörperungen des Sozialen. Transkript, Bielefeld 2012. Eine weiteren Diskussionsansatz bietet unser Vereinsmitglied Rainer Müller: Zur Unhintergehbarkeit von Leiblichkeit / Körperlichkeit bei der Gestaltung von Arbeit (unveröffentlichtes Manuskript) mit Kategorien wie Bewegung, Rhythmus, Ermüdung, Erholung, Schlaf usw. – sollte aufgegriffen werden.

(25) Theodor W. Adorno: Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie. Rede zum 60. Geburtstag Max Horkheimes am 14. Februar 1955. Abgedruckt in: Derselbe: Gesellschaftstheorie und Kulturkritik. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 95-135. Das Zitat findet sich auf S. 109.

(26) Judith Butler: Kritik der ethischen Gewalt. Erweitere Ausgabe. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007. Judith Butler (geb. 1956) ist Professorin für Rhetorik und Komparatistik an der University of California, Berkeley. Butler, selbst Jüdin, ist wegen ihrer vehementen Kritik an der imperialistischen Politik Israelis ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Einflussreiche Kreise wollten – glücklicherweise erfolglos – ihre Ehrung in Frankfurt verhindern.

(27) Judith Butler: Kann man ein gutes Leben im schlechten führen? Dankesrede zur Verleihung des Adorno-Preises in der Frankfurter Paulskirche am 11. September 2012 (Frankfurter Rundschau- Online).

(28) Emmanuel Levinas (1905-1995), jüdisch-litauischer Herkunft, wirkte in Frankreich als einer der maßgeblichen Philosophen des 20. Jahrhunderts. Seine Philosophie denkt das Ich radikal „vom Anderen her“. Vgl. die kleine, aber feine Einführung von Barbara Staudinger: Emmanuel Levinas. Vandenkoek und Ruprecht, Göttingen 2009.
(29) Seyla Benhabib: Zur Utopie und Anti-Utopie in unseren Zeiten. Rede anlässlich der Verleihung des Ernst-Bloch Preises, Ludwigshafen, 25. September 2009 (Ernst-Bloch-Zentrum Ludwigshafen, Online).(30) In der Tat heißt es an zentraler Stelle im Kommunistischen Manifest von 1848: „An Stelle der alten Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“ (zit. nach der Ausgabe des Bernd-Müller-Verlags, Zittau 2009, S. 48).(31) Diesen letzten Teil meiner Rede habe ich am 1.3.2014 aus Zeitgründen nicht vorgetragen, habe aber in der Diskussion auf die entscheidenden Punkte hingewiesen.

(33) Der SAP-Betriebsrat Ralf Kronig beklagt, dass eine ursprünglich ganzheitliche Arbeit bei SAP immer mehr in kleine standardisierte Module zerlegt und damit die Arbeit extrem verdichtet wird. Kronig spricht expliziert von einer Re-Taylorisierung. Vgl. Kronig, R. (2012): Viele Burnout-Fälle. Der Arbeitsdruck belastet immer mehr Beschäftigte. In Gute Arbeit, Heft 7-8/2012, S. 39-41.(34) Richard Sennett: Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin, Berlin 1998. Vgl. auch: Richard Sennett: Die Kultur des neuen Kapitalismus (Drei Vorlesungen). Berlin, Berlin 2005.(35) Vgl. dazu: Sighard Neckel, Greta Wagner (Hg.): Leistung und Erschöpfung. Burnout in der Wettbewerbsgesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2013; vgl. auch: Alain Ehrenberg: das Unbehagen in der Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2011.

(36) Eva Kreisky: Neoliberale Körpergefühle: Vom neuen Staatskörper zu profitablen Körpermärkten. Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Brüche – Geschlecht – Gesellschaft: Leibes/Übungen“ des Gender Kollegs der Universität Wien, 15. Mai 2003 (Online).

(37) Diesen treffenden Begriff übernehme ich von Jörg Ackermann, Diskussionsbeitrag im Rahmen der Auftaktveranstaltung unseres Vereins am 1.3.2014.

(38) Simon Graf, in: Peter-Paul Bänzinger (Hg.): Body Politics – Zeitschrift für Körpergeschichte, Jg. 1 (2013), Heft 1 (Online-Ausgabe), S. 152.

(39) Richard Wilkinson, Kate Pickett: Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2009.

(40) Günther Tempel: Die Auswirkungen sozialer Polarisierung. Zur Entwicklung der Lebenserwartung und Sterblichkeit in ausgewählten Bremer Wohngebieten. Kommunale Gesundheitsberichtserstattung. Freie Hansestadt Bremen 2006 (Online).

 

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